Das also war des Bandes Schöpfer

31.01.2012 von Holger Much

Der arme Mörike! Jetzt steht er, wie so viele andere, eh schon im Schatten des großen Geistes aus Weimar, und dann mache ich ihm in meinem jüngsten Tagebuch auch noch sein schönes „blaues Band“ streitig. Mörike war selbstverständlich der Schöpfer des blauen Bandes, das der Frühling flattern lässt, und nicht Goethe.

Bei jedem Wettbewerb, in dem es darum ginge, wer die meisten Redewendungen in der deutschen Alltagssprache hinterlassen hat, würde eh Goethe gewinnen. Goethe war eben gut, wie einst Rudi Carrell sang. Von des „Pudels Kern“, über „Die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube“, die „graue Theorie“, die „Gretchenfrage“ bis hin zu „...und bist Du nicht willig, so brauch ich Gewalt“, stammt alles aus Goethes Feder. Auch das bekannte derbe Zitat des Götz von Berlichingen, das ich hier nicht wiedergeben möchte, wurde durch den manchmal gar nicht so zimperlichen Herrn Geheimrat populär.

Ebenso ersann er „Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust“, „Schlag auf Schlag“ und, im Bezug auf Schriftstücke, „Was man schwarz auf weiß besitzt...“. Und natürlich noch vieles mehr. Schwarz auf weiß war hier also jüngst zu lesen, dass Goethes Geist auch das blaue Band entsprungen sei. Was sogleich zahlreiche unserer Leser mit literarischer Bildung auf den Plan rief, die mir den Fauxpas liebevoll darlegten und baten, dem armen Herrn Mörike doch sein blaues Band zu lassen. Recht haben sie!

Da kann ich nur, diesmal offiziell, dankbar Mörike zitieren: „Getrost! Was krumm ward oft noch grad, oft über Nacht kam guter Rat“.

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