Der Mensch als Sammler
Der Balinger Dieter Rebstock (73) nennt rund 1000 Kronkorken sein Eigen
Balingen, 26.08.2010 von Daniel Seeburger
„Ich bin ein Lebenskünstler“, sagt Dieter Rebstock und schmunzelt. Wer ihn und seine Frau Hilo Rebstock (77) in dem schmucken, rund 200 Jahre alten Häuschen an der Geislinger Straße besucht, weiß schon bald, was der geborene Dotternhausener meint. Er hat schon die ganze Welt gesehen – und lebt doch ohne Auto. Er liebt Musik und begnügt sich doch mit einem alten Kassettenrekorder, einem antiken Plattenspieler – und einer chromatischen Mundharmonika. Die Kunst zufrieden zu sein, ist bei ihm nicht vom Geldbeutel abhängig.
„Ich kann alles, vom Elektrischen bis zum Schreinern“, erzählt der gelernte Mechaniker. Seine technische Versiertheit ist ihm schon in seiner Jugend eine große Hilfe gewesen. Mit 18 heuert er in Rotterdam auf einem großen Tankschiff an. Sieben Jahre lang schippert er auf den Weltmeeren, besucht Göteborg und Cadiz, Alexandria und das Rote Meer. Der Maschinist kann schon bald die Kameraden von seinen Kochkünsten überzeugen und wechselt in die Kombüse.
Dieter Rebstocks Sammelleidenschaft beginnt 1953. Aus diesem Jahr stammt sein erster Kronkorken. Mittlerweile hat er rund 1000 Verschlüsse von Bierflaschen deutscher Brauereien gesammelt. Darunter befinden sich echte Raritäten. Ein antiker Kronkorken der Balinger Adler-Brauerei findet sich ebenso darunter wie Verschlüsse von Fürstenberg, Zoller-Bräu, Haigerlocher oder der Aldinger Rosenbrauerei. Schon lange nicht mehr gibt es beispielsweise die Gräflich von Bodmansche Brauerei in Espasingen am Bodensee oder die Hirsch-Brauerei in Balingen. Bei Dieter Rebstock findet man die kleinen Deckel von Brauereien, die längst Geschichte sind. „Andere sammeln Bierdeckel, ich sammle eben Kronkorken“, erklärt er lakonisch seine Sammel-Leidenschaft.
Sein „Meisterwerk“ wurde im vergangenen Jahr fertig. Der 73-Jährige hat eine Standuhr aus Eichenholz gebaut und mit zahlreichen Kronkorken verziert. Das Ziffernblatt und das Uhrwerk hat er sich vom Flohmarkt geholt. Für die Kronkorken hat Rebstock millimetergenaue Löcher gebohrt und ausgefräst, seine Frau Hilo befestigte die Kronkorken mit ein wenig Leim. Fast ein ganzes Jahr waren die beiden mit ihrem Projekt beschäftigt. Schon einige Jahre älter ist der detailgetreue Nachbau der Santa Maria, dem Schiff, mit dem Christoph Columbus Amerika entdeckt hat.
Eine weitere große Leidenschaft von Dieter Rebstock ist die Mundharmonika. Wenn er das Instrument an seine Lippen nimmt, entlockt er ihr höchst virtuose Töne. Vor 50 Jahren musizierte er im legendären Harmonika-Trio „Pik As“ mit. „Damals gab's noch keine Diskos“, erklärt er – als Rebstock spielte, waren die Hallen voll. Der 73-Jährige holt seine alte Hohner. Die ist so abgegriffen, das sich sogar der silberfarbene Chrom gelöst hat. Er erinnert sich an die Mundharmonika-WM 1989 in Trossingen. Rebstock kommt zu spät, weil der Bus Verspätung hat und wird nicht mehr in den Prüfungsraum gelassen. Er packt seine chromatische Mundharmonika im Flur aus und beginnt zu spielen. Den Zeitungen ist der spektakuläre Auftritt des Balinger Virtuosen größere Artikel wert, als die WM selbst.
In Dieter Rebstocks Wohnzimmer steht ein weit über 100 Jahre altes Harmonium mit pneumatischem Antrieb, das er auf dem Flohmarkt gekauft und originalgetreu restauriert hat. Auf der Kommode gegenüber hebt eine kitschige Muttergottes-Statue ihre Hände zum Segen. Darüber hängt ein altes Bild von Kaiser Wilhelm II. Von ihrer Terrasse aus überblicken Hilo und Dieter Rebstock die ganze Stadt bis hin zu den Balinger Bergen. „Ja, ja“, sagt der 73-Jährige und nimmt seine Frau in den Arm, „wir sind zufrieden“. Und beide lächeln.
