„Alles in Handarbeit“

Bäcker-Lehrling Natalie Reich hat ihren Traumberuf gefunden

Geislingen, 03.09.2010 von Rosalinde Conzelmann

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„In einer Großbäckerei lernt man doch nichts“, sagt Natalie Reich. Die 19-Jährige arbeitet deshalb gerne in einem kleinen Betrieb, „weil alles von Hand gemacht wird“. Die Geislingerin ist jetzt im zweiten Lehrjahr.

Die schlanke junge Frau mit den blonden Haaren hat ihren Traumberuf gefunden und behauptet sich in einer typischen Männerdomäne. „Natürlich fällt es mir auch heute noch schwer, so früh aufzustehen“, sagt sie. Wenn sie morgens um zwei oder drei ihr Elternhaus in der Bubenhoferstraße verlässt und die kleine Taschenlampe ihr den Weg zu ihrem Ausbildungsbetrieb, der Bäckerei Koch, ausleuchtet, „ist es schon manchmal unheimlich und düster“, erzählt sie. Doch bereits auf der Hälfte des Weges, sieht sie das Licht aus der Backstube scheinen.

Natalie Reich hat sich bewusst für den Bäckerberuf entschieden – trotz der ungewöhnlichen Arbeitszeiten, der Sechstagewoche und der großen körperlichen Belastung. Sie hat schon während ihrer Schulzeit samstags und in den Ferien in der Bäckerei Koch gejobbt – „ich habe die Osterhasen eingepackt“. Außerdem machte sie vor zwei Jahren ein Praktikum in der Bäckerei „Catrina“ in Frommern.

Nach ihrem Hauptschulabschluss hat sie sich bei Franz Koch um eine Lehrstelle beworben und am 14. September 2009 ihre Ausbildung zur Bäckerin angefangen. Einmal pro Woche hat sie Unterricht an der gewerblichen Schule in Sigmaringen, wo sie auch ihren Freund Robin kennengelernt hat.

Natalies Eltern Ulrike und Jürgen Reich sind als Zeitungsausträger ebenfalls Frühaufsteher, doch ihre mittlere Tochter ist die erste, die das Haus wochentags verlässt.

Von Montag bis Freitag beginnt der Arbeitstag der jungen Handwerkerin um drei Uhr in der Früh, samstags fängt sie später an. Wenn sie die Backstube betritt, hat ihr Lehrmeister Franz Koch schon den Teig vorbereitet und sie kann sofort mit der Arbeit anfangen. „Da reden wir dann nicht viel miteinander“, sagt die 19-Jährige, die sich vor keiner Arbeit scheut. „Nur das Putzen finde ich nicht so toll“, sagt sie lachend. Nach einer Stunde sind die ersten Brezeln und Wecken fertig und ein herrlicher Duft strömt aus der Backstube. Das macht natürlich hungrig. Die ersten Kunden waren schon da, wenn Natalie zum Frühstücken ins Esszimmer der Bäckersfamilie geht. Wenn sie fertig ist, macht Franz Koch eine Frühstückspause. Natalie ist der Leckereien, die täglich durch ihre Hände gehen, noch nicht überdrüssig. „Am liebsten esse ich Fasnetsküchle, die hier Spandalen genannt werden, oder Schokolade“, sagt die Naschkatze.

Natalie Reich ist der einzige Lehrling in der Bäckerei Koch, die seit 75 Jahren in Familienbesitz ist und seit einem Vierteljahrhundert von Bäckermeister Franz Koch und seiner Ehefrau Sonja betrieben wird. „Nur der Teig wird maschinell gerührt, ansonsten ist alles Handarbeit“, erzählt die 19-Jährige. Auch die Zutaten sind stets frisch und die Auszubildende hat Spaß an dieser Feinarbeit.

Sie ist zwischenzeitlich gut eingearbeitet, rund eineinhalb Stunden braucht sie mit ihrem Chef, um 700 bis 800 Brezeln zu formen. Und auch das Gießen der Schokoladenfiguren macht sie aus dem „ff“. „Sie ist wirklich ein Glücksgriff“, spricht ihr der Chef ein großes Lob aus. Denn es kommt nicht nur darauf an, dass „wir gut zusammenarbeiten, auch menschlich muss es passen“, sagt der Bäckermeister, der bislang vier Lehrlinge ausgebildet hat.

Wenn andere am Mittagstisch sitzen, hat die Auszubildende Feierabend. Sie bringt immer eine Tüte mit Brötchen und süßen Stückchen mit nach Hause. „Das freut uns natürlich“, sagt ihre Mutter Ulrike, die gleich sieht, welche Arbeit Natalie an diesem Morgen gemacht hat: „Je nachdem, ob auf der Schürze Schokoladen- oder Obstflecke sind.“

Von ihrem Lehrlingsgehalt kann die junge Geislingerin keine großen Sprünge machen, aber es reicht für den Unterhalt eines kleinen Autos. „Weil ich nicht oft weggehe und kostenlos bei meinen Eltern wohnen kann“, sagt die 19-Jährige, die entweder Bäckerin oder Floristin werden wollte.

In ihrer Freizeit geht die junge Frau gerne in die freie Natur. Außerdem singt sie im Gesangverein, ärgert sich aber manchmal über die flapsigen Bemerkungen ihrer Vereinskollegen, wenn sie gemeinsam mit ihrer Mutter die Singstunde früher verlässt. „Aber ich muss halt spätestens um 20 Uhr im Bett sein“, sagt sie. Auch in den Ferien gönnt sie sich kein langes Ausschlafen. Sie trägt mit ihren Eltern die Zeitung aus, „damit mir das frühe Aufstehen nach dem Urlaub nicht so schwer fällt.“

Die junge Bäckerin hat schon Zukunftspläne – „Träume braucht man doch“, sagt sie lachend. Sie will nach ihrem Abschluss 2012 in die Schweiz oder nach Österreich gehen, um dort eine kleine Bäckerei aufzumachen.

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